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Mein Kind spricht im Englischkurs nicht: Warum der stille Anfang normal ist

von Clara Sommer2. Oktober 20268 Min. Lesezeit
Eine Kursleiterin kniet auf Augenhöhe neben einem stillen Mädchen im Gruppenraum, das mit einer Handpuppe im Schoß aufmerksam zuhört

Was in der stillen Phase passiert: Verstehen kommt vor Sprechen

Die Kursleiterin erzählt von Liedern und Spielen, doch Ihr Kind hat kein einziges englisches Wort gesagt. Das verunsichert viele Eltern. Die Fachliteratur zum Zweitspracherwerb kennt dieses Bild und spricht von einer „silent period“, der stillen Phase: In dieser ersten Phase beobachten Kinder schweigend, bis sie sich mit der neuen Umgebung vertraut gemacht haben. Diese Latenzphase geht der aktiven Sprachproduktion voraus, kann viele Wochen anhalten und gilt als wichtiger Teil der Zweitsprachentwicklung.[1]

Kinder nähern sich in dieser intensiven Aufnahmephase der neuen Sprache und Kultur an und verstehen oft lange, bevor sie selbst anfangen zu sprechen.[1] Die Texte beschreiben, dass sie sich dabei voll und ganz auf das Hörverständnis konzentrieren.[1] Nach außen ist wenig zu sehen, doch das Zuhören ist selbst Arbeit an der neuen Sprache.

Eine Einordnung gehört dazu: Diese Fachtexte beschreiben vor allem Kinder, die ohne Deutschkenntnisse in eine deutschsprachige Kita kommen und eine „stille Phase“ durchleben, weil sie zunächst nichts verstehen und ihre Erstsprache nicht einsetzen können.[2] Ihr Kind kennt Deutsch, besucht den Englischkurs einmal pro Woche und kann sich jederzeit in seiner Erstsprache verständigen. Die Situation ist also eine andere. Das Grundmuster, erst verstehen und später sprechen, lässt sich aber sinngemäß übertragen. Zum Fremdsprachenerwerb im Kindergarten hält eine Untersuchung zum rezeptiven Wortschatz fest, dass das Wortwissen das aktive Sprechen übersteigt: Kinder in einem zweisprachigen Kindergarten entwickelten sehr schnell rezeptive Fähigkeiten, während die Sprachproduktion erst später einsetzte.[4]

Warum Kinder in der Kita-Gruppe zunächst nur zuhören

Sprechen in einer neuen Sprache verlangt zwei Dinge gleichzeitig: Wörter, die man schon kennt, und den Mut, sie vor anderen auszuprobieren. In einer Kursstunde kommen mehrere Umstände zusammen. Die Kursleiterin ist eine neue Person, die Sprache ist ungewohnt, und eine Gruppe von Gleichaltrigen schaut zu. Das ist eine plausible Erklärung, keine gemessene Ursache. Sie passt zu einer Beobachtung aus einem Beitrag über Sprachtests: Viele Kinder verstummen in unvertrauter Umgebung, obwohl sie im Alltag unter vertrauten Menschen durchaus sprechfreudig sind.[6]

Hinzu kommt, dass Kinder ihre Wünsche und Gefühle in so einer Lage oft besser nonverbal ausdrücken können.[1] Ein Kind, das nichts sagt, kann trotzdem lachen, nicken, mitklatschen und zeigen. Das ist Beteiligung in anderer Form.

Auch die Gruppengröße spielt eine Rolle. Bei LearningBirds arbeiten Kursleiterinnen in Gruppen mit bis zu sechs Kindern, die Stunde dauert 45 Minuten. In einer kleinen Runde ist es leichter, ein stilles Kind im Blick zu behalten und ihm Zeit zu lassen.

Was Sie als Eltern tun können und was Sie besser lassen

Die wichtigste Haltung lässt sich kurz sagen: Zuhören darf zählen. Fachleute empfehlen, Kinder nicht zu zwingen, eine für sie neue Sprache zu sprechen, bevor sie dazu bereit sind. Sie warnen aber auch davor, von Nichtbeteiligung auszugehen, und raten stattdessen, die Kinder aktiv zur Kommunikation zu ermutigen.[3] Für den Alltag heißt das: Zeigen Sie Interesse an dem, was Ihr Kind erlebt hat, nicht an dem, was es sagen kann. Fragen wie „Was habt ihr gespielt?“ oder „Welches Lied war heute dran?“ funktionieren auch dann, wenn die Antwort ein Nicken oder eine Bewegung ist.

Ein weiterer Grundsatz aus der Fachliteratur gilt für Fachkräfte und lässt sich auf Eltern übertragen: Kinder in der stillen Phase einfühlsam, aber nicht besonders behandeln.[1] Wenn Sie vor Ihrem Kind darüber sprechen, dass es „im Kurs ja gar nichts sagt“, wird aus einer Phase schnell ein Etikett. Besprechen Sie Sorgen lieber ohne Kind.

Was in der Regel nicht hilft:

  • Zu Hause abfragen: „Wie heißt Apfel auf Englisch?“ setzt ein Kind unter Druck und verstärkt das Gefühl, getestet zu werden.
  • Vergleichen: Das Nachbarkind singt schon laut mit, Ihr Kind noch nicht. Jedes Kind braucht dafür seine eigene Zeit.
  • Vorführen lassen: Wenn Großeltern oder Freunde etwas „auf Englisch“ hören sollen, wird Schweigen eher wahrscheinlicher.

Hilfreicher sind Gelegenheiten ohne Anspruch: ein englisches Lied einfach nebenbei laufen lassen, gemeinsam mitklatschen, ein Bilderbuch ansehen. Ideen dafür bietet unser Beitrag zu Englisch lernen ohne Bildschirm.

Wie Kursleiterinnen einladen statt drängen

Eine gute Kursleiterin macht das Mitmachen leicht und das Sprechen freiwillig. Die Fachliteratur nennt dafür einfache Mittel: deutliche Gestik und Mimik, langsam gesprochene klare Sätze, mehrfache Wiederholungen, handlungsbegleitendes Sprechen und Pausen, damit das Gesagte verarbeitet werden kann. Auch Objekte, Materialien und Bilder helfen bei der Verständigung.[1]

Ein zweiter Baustein sind nonverbale Antworten. Ein Beispiel aus der Fachliteratur beschreibt, dass in internationalen Schulen Zeichen vereinbart und geübt werden, die ohne Worte verstanden werden, etwa ein Winken für „Komm mit“. Dabei wird darauf hingewiesen, dass solche Zeichen vorher verabredet werden müssen, weil Körpersprache nicht überall gleich gedeutet wird.[1] Im Englischkurs lässt sich das einfach übertragen: Das Kind zeigt auf die passende Karte, hält ein Tuch hoch, springt bei „jump“ oder legt den Finger auf die Nase, wenn die Kursleiterin „nose“ sagt. Jede dieser Antworten zählt als Antwort.

Eine Handpuppe kann den Druck zusätzlich senken. Das Kind muss nicht selbst antworten, die Puppe fragt, staunt oder schläft ein, und das Kind darf sie streicheln, wecken oder ihr etwas zuflüstern. So steht nicht das Kind im Mittelpunkt.

Rituale tragen den Rest. Jede Stunde bei LearningBirds beginnt mit einem Begrüßungslied und endet mit dem Goodbye-Kreis. Wiederkehrende Abläufe geben Orientierung, und ein Kind, das weiß, was als Nächstes kommt, kann sich aufs Zuhören und Mitmachen konzentrieren. Wie die Sprache dabei über Zeigen, Bilder und Handlung verständlich wird, erklärt unser Beitrag zur Immersionsmethode. Das Angebot im Überblick finden Sie unter Englisch für Kinder. Kita-Leitungen, die Englisch in der Einrichtung anbieten möchten, finden den Ablauf unter Englisch als Kita-Kooperation.

Woran Sie Fortschritt trotz Schweigen erkennen

Dass Kinder oft lange vor dem Sprechen verstehen,[1] heißt für Sie: Achten Sie auf Reaktionen statt auf Wörter. Die folgenden Beispiele sind Praxisbeispiele, keine Messwerte und keine Normstufen:

  • Ihr Kind führt eine einfache englische Anweisung aus, die Sie nebenbei geben, etwa „Sit down“ oder „Clap your hands“.
  • Es macht die Bewegungen eines Liedes mit oder summt die Melodie, auch wenn die Wörter fehlen.
  • Es zeigt auf die richtige Bildkarte, wenn Sie das englische Wort sagen.
  • Es spielt die Stunde nach, etwa mit Kuscheltieren, und nimmt dabei die Rolle der Kursleiterin ein.
  • Es freut sich auf den Kurstag, geht ohne Widerstand hin und wirkt danach zufrieden.

Eine Untersuchung zu Beobachtung und Sprachtests betont außerdem, dass eine regelmäßige, systematische Beobachtung einer einmaligen Testsituation überlegen ist.[6] Notieren Sie deshalb einmal pro Woche in einem Satz, was Ihnen aufgefallen ist. Eine ausführliche Übersicht mit Stufen finden Sie im Beitrag Fortschritte beim Englischlernen erkennen.

Wie lange die stille Phase dauern kann und wo die Forschung uneins ist

Eine feste Frist gibt es nicht. Die Phase des stummen Beobachtens ist individuell unterschiedlich lang; nach einer Quelle kann es bei Kindern, die neu in eine Kita mit einer anderen Sprache kommen, bis zu einem halben Jahr dauern, bis sie anfangen zu sprechen.[1] Ein anderer Leitfaden nennt für die stille Phase eine Spanne von ein paar Wochen bis zu einem Jahr oder sogar länger.[3] Beide Angaben betreffen Kinder, die eine Umgebungssprache neu erwerben. Eine Frist für den wöchentlichen Englischkurs nennen die ausgewerteten Quellen nicht.

Ebenso wichtig ist die Gegenstimme: Dieselbe Quelle weist darauf hin, dass die Hypothese der stillen Phase nicht allgemein anerkannt ist. Eine Forscherin lehnt die Idee ab und empfiehlt, mit Akzeptanz, Gelegenheit und Ermutigung Kinder dazu einzuladen, alle ihre sprachlichen Ressourcen zu nutzen. Der Leitfaden schlägt vor, nicht ohne Weiteres anzunehmen, dass ein Kind eine stille Phase durchläuft, und Kinder stattdessen aktiv zur Kommunikation zu ermutigen.[3] In der Praxis ergänzen sich beide Sichtweisen: nicht drängen, aber auch nicht abschreiben.

Wann Sie nachfragen sollten: Kursleiterin, Kita, Kinderarzt, Logopädie

Die erste Anlaufstelle ist die Kursleiterin. Fragen Sie, wie Ihr Kind in der Stunde wirkt: Beobachtet es aufmerksam? Macht es bei Liedern mit? Reagiert es auf Anweisungen? Auch die Fachkräfte in der Kita können erzählen, wie Ihr Kind sich dort verhält.

Ein anderes Bild ist es, wenn Ihr Kind nicht nur im Englischkurs schweigt. Dann lohnt ein Gespräch mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, zum Beispiel wenn es auch auf Deutsch kaum spricht, Aufforderungen auf Deutsch häufig nicht zu verstehen scheint oder sich seine Sprache zurückentwickelt. Eine nicht erkannte Hörstörung kann die Sprachentwicklung erheblich beeinträchtigen, deshalb gehört eine Hörprüfung zu den ersten Schritten.[5] Ob eine logopädische Behandlung nötig ist, klärt der Kinder- und Jugendarzt.[5] Orientierung zu typischen Entwicklungsschritten bietet unser Beitrag zu den Meilensteinen der Sprachentwicklung.

Auch ein Kind, das zu Hause plappert und in bestimmten Situationen konsequent schweigt, gehört in ärztliche Hände. Fachleute der Kinder- und Jugendpsychiatrie beschreiben, dass manche Kinder in einigen Situationen sprechen und in anderen klar abgrenzbaren Situationen nicht.[7] Ob dahinter Schüchternheit, eine normale Anfangsphase oder etwas anderes steckt, kann nur eine Fachperson beurteilen.

Wächst Ihr Kind mehrsprachig auf, achten Sie darauf, dass bei einer Einschätzung alle Sprachen berücksichtigt werden. Ein Leitfaden weist darauf hin, dass sich die Sprachprofile von Kindern mit Sprachentwicklungsstörung und von typisch entwickelten mehrsprachigen Kindern überschneiden können und dass Schwierigkeiten niemals eine Folge der Mehrsprachigkeit sind.[3]

Wenn Sie zunächst sehen möchten, wie Ihr Kind in der Kleingruppe reagiert, können Sie eine Schnupperstunde buchen und der Kursleiterin vorab mitteilen, dass Ihr Kind sich Zeit zum Ankommen nimmt.

Häufige Fragen

Mein Kind sagt im Englischkurs nichts. Ist das normal?

Oft ja. Fachtexte beschreiben, dass Kinder in der ersten Phase einer neuen Sprache schweigend beobachten und oft lange vor dem Sprechen verstehen.[1] Beobachten Sie, ob Ihr Kind mitmacht, zeigt, lacht oder Anweisungen befolgt. Das sind Zeichen, dass es dabei ist.

Wie lange dauert die stille Phase bei Kindern?

Das ist individuell. Eine Quelle nennt für Kinder, die eine neue Umgebungssprache erwerben, bis zu einem halben Jahr bis zum ersten Sprechen,[1] ein anderer Leitfaden einige Wochen bis zu einem Jahr oder länger, und die Hypothese ist nicht allgemein anerkannt.[3] Eine feste Frist für Englisch als Fremdsprache wird nicht genannt.

Soll ich mein Kind auffordern, auf Englisch etwas zu sagen?

Besser nicht. Fachleute raten, Kinder nicht zu zwingen, eine neue Sprache zu sprechen, bevor sie bereit sind, und sie stattdessen aktiv zur Kommunikation zu ermutigen.[3] Gemeinsames Singen oder Zeigen passt besser als Abfragen.

Woher weiß ich, dass mein Kind etwas mitnimmt, wenn es nicht spricht?

Achten Sie auf Reaktionen: Befolgt es einfache englische Anweisungen, macht es Liedbewegungen mit, zeigt es auf die richtige Karte, spielt es die Stunde nach? Das sind Alltagsbeobachtungen und keine Tests, die Kursleiterin kann zusätzlich zurückmelden, was sie in der Stunde sieht.

Wann sollte ich mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt sprechen?

Wenn Ihr Kind nicht nur im Englischkurs schweigt, sondern auch auf Deutsch kaum spricht oder zu verstehen scheint, wenn sich seine Sprache zurückentwickelt oder wenn es in bestimmten Situationen dauerhaft verstummt. Eine nicht erkannte Hörstörung kann die Sprachentwicklung erheblich beeinträchtigen, deshalb ist eine Hörprüfung ein üblicher erster Schritt.[5] Die ärztliche Einschätzung klärt, ob weitere Schritte wie Logopädie nötig sind.

Quellen

  1. [1]nifbe-Beiträge zur Professionalisierung Nr. 12: Mehrsprachigkeit in der KiTa
  2. [2]Frühe Mehrsprachigkeit im Kita-Alltag begleiten (Susanne Kühn, KiTa Fachtexte)
  3. [3]PEaCH: Leitfaden für Pädagoginnen und Pädagogen, Wie man mehrsprachige Kinder unterstützt
  4. [4]Zweitspracherwerb durch englische Immersion im Kindergarten (Katja Schmidt, Forschung Sprache 2/2017)
  5. [5]Sprachstörungen frühzeitig erkennen und behandeln (Kinderärzte im Netz)
  6. [6]Was für und gegen Sprachtests spricht (Renate Zimmer, nifbe)
  7. [7]Mutismus: Wenn Kinder in bestimmten Situationen nicht sprechen
Na, neugierig geworden?

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