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Bilinguale Kita oder Englischkurs? Was Kindern und Einrichtungen mehr bringt

von Aylin Demir2. Oktober 20268 Min. Lesezeit
Eine Kursleiterin sitzt im Schneidersitz auf einem weichen Teppich in einer Kita und singt und klatscht gemeinsam mit fünf Kindern im Kreis, die Kinder klatschen lachend mit.

Drei Wege, wie Englisch in den Kita-Alltag kommt

Wer fragt, ob eine Kita zweisprachig sein soll oder ob ein Englischkurs genügt, spricht oft über ganz unterschiedliche Dinge. Hinter dem Wunsch nach Englisch stecken drei Modelle. Sie unterscheiden sich vor allem darin, wie viele Stunden pro Woche ein Kind die Sprache tatsächlich hört, und danach richten sich auch Aufwand, Personal und Kosten.

  • Bilinguale Kita mit Immersion: Englisch ist Umgangssprache im Alltag. Eine Fachkraft spricht durchgehend Englisch, beim Essen, im Freispiel, beim Anziehen.
  • Englischkurs als wöchentliches Zusatzangebot: Eine externe Kursleiterin kommt zu einem festen Termin und arbeitet mit einer kleinen Gruppe, etwa mit Liedern, Spielen und Bewegung.
  • Erzieherinnen mit Englisch-Fortbildung: Das eigene Team baut Englisch in Rituale, Lieder und Vorlesesituationen ein, ohne dass die Kita als bilingual gilt.

Keines dieser Modelle ist grundsätzlich besser. Welches zu Ihnen passt, hängt davon ab, was Sie erreichen wollen und was Ihre Einrichtung tragen kann.

Die bilinguale Kita: viel Kontakt, viel Konzept

Der Fachverband FMKS, der sich für frühe Mehrsprachigkeit in Kitas und Schulen einsetzt, nennt vier Merkmale einer bilingualen Einrichtung: Die neue Sprache ist Umgangssprache, es gilt das Prinzip „eine Person, eine Sprache“, Sprachkontakt ist während mindestens der halben Öffnungszeit möglich, und die Fachkräfte sind Muttersprachler oder haben muttersprachliche Kompetenz [3]. Das ist die Definition eines Verbands, kein einheitlicher Standard. Fragen Sie deshalb immer nach dem tatsächlichen Konzept und nicht nach dem Etikett.

Nach Katja Schmidt arbeiten Kitas in Deutschland zum großen Teil mit partieller Immersion: Die Kinder werden zu gleichen Teilen von deutschsprachigen und fremdsprachigen Erzieherinnen betreut und erleben den Tag in zwei Sprachen [2]. In den beiden Kitas in Mecklenburg-Vorpommern, die sie in einer Langzeitstudie untersucht, hatten die Kinder in der Regel sechs Stunden täglich Kontakt zum Englischen [2]. Wie Immersion im Kern funktioniert, erklärt unser Beitrag zur Immersionsmethode.

Was für dieses Modell spricht

Die Fremdsprache wird nicht unterrichtet, sondern ist Medium der Kommunikation. Schmidt beschreibt, dass Mahlzeiten, Körperpflege, Basteln und Bewegungsspiele immer auch fremdsprachlich begleitet werden [2]. Theresia Wollnitz zitiert dazu die Position von FRÖBEL: Kinder erwerben eine Sprache am besten, wenn sie Teil ihrer Lebenswelt ist [1]. Der Kontakt ist täglich, sehr umfangreich und an vertraute Personen gebunden. Das ist mit keinem Zusatzangebot erreichbar.

Was Sie dabei bedenken sollten

Ein bilinguales Konzept ist eine Grundsatzentscheidung für das ganze Haus. Es betrifft Stellenplan, Dienstplan, Team und Träger, und es lässt sich nicht nebenbei einführen. Auch beim Personal lohnt der genaue Blick: In den Kitas der erwähnten Studie waren vier der fünf englischsprachigen Erzieherinnen keine Muttersprachlerinnen, und eine fühlte sich nach eigener Aussage unsicher, was sich häufig durch Fehler in der Sprachproduktion zeigte [2]. Für Eltern kommt hinzu, dass das Angebot an den Standort der Kita gebunden ist. Wer in der Nähe keine bilinguale Einrichtung findet, müsste die Kita wechseln. Wie sich ein solches Konzept auf Elternbeiträge auswirkt, legt jeder Träger selbst fest und lässt sich nur dort erfragen.

Der Englischkurs: wenig Zeit, dafür schnell startklar

Ein Kurs braucht keine neue Stelle und keinen Konzeptwechsel. Eine externe Kursleiterin kommt zu einem festen Termin, die Kinder lernen in einer kleinen Gruppe, und die Kita behält ihren Alltag. Bei LearningBirds zum Beispiel dauert eine Kursstunde 45 Minuten, die Gruppen haben höchstens sechs Kinder, und die Kursleiterinnen sind englische Muttersprachlerinnen oder bilinguale Pädagoginnen. Für die Kita ist das Angebot kostenlos, die Eltern zahlen pro Kind und Kursstunde. Den Ablauf aus Leitungssicht beschreibt die Seite Englischkurs in Ihrer Kita.

Der Preis dieser Einfachheit ist die Kontaktzeit, und die lässt sich nüchtern ausrechnen. Eine Kursstunde pro Woche sind 45 Minuten, also 0,75 Stunden. Sechs Stunden täglich an fünf Tagen, wie in den untersuchten bilingualen Kitas, sind 30 Stunden pro Woche. Rechnerisch ist der Kontakt in einer solchen Kita damit rund 40-mal so groß wie in einem wöchentlichen Kurs. Das ist ein Rechenbeispiel, keine Wirkungsaussage, aber es erklärt, warum beide Modelle nicht dasselbe leisten können.

Erzieherinnen mit Fortbildung: der dritte Weg

Viele Kitas fragen sich, ob das eigene Team Englisch übernehmen kann. Susanne Kühn fasst in einem Fachtext die Sprachförderforschung zusammen: Demnach kommt es weniger auf die Auswahl der Methode an als auf die Sprachförderkompetenzen der durchführenden Fachkraft, und notwendig seien außerdem eine klare Strukturierung, ein hoher Anteil echter Förderzeit, regelmäßige Durchführung und eine kleine Gruppengröße [4]. Der Text bezieht sich auf Sprachförderung allgemein und nicht auf Englisch. Die Übertragung ist unsere Einschätzung: Eine Fortbildung kann sich lohnen, wenn sie die Fachkraft im Umgang mit Sprache stärkt und das Team die Zeit für den Alltag tatsächlich einplant.

Zugleich ist es etwas anderes als Immersion. Beim Prinzip „eine Person, eine Sprache“ verwendet die fremdsprachige Fachkraft ausschließlich die Fremdsprache [2]. Eine deutschsprachige Erzieherin, die einzelne englische Lieder und Wendungen einbaut, bietet eine wertvolle Begegnung mit der Sprache, aber kein Sprachbad.

Die drei Modelle im Vergleich

Die Tabelle fasst zusammen, wie sich die Modelle in der Praxis unterscheiden. Die Angaben zu Kosten sind bewusst nur grob qualitativ, weil sie je Träger und Anbieter stark variieren.

KriteriumBilinguale KitaWöchentlicher EnglischkursErzieherinnen mit Fortbildung
Intensität und KontaktzeitHoch: Englisch im Alltag, in Studien-Kitas rund sechs Stunden täglichGering: eine Kursstunde pro Woche, etwa 45 MinutenMittel bis gering, abhängig davon, wie oft Englisch im Alltag vorkommt
Aufwand für die EinrichtungHoch: Konzept, Personalplanung, TrägerabstimmungGering bis mittel: Zeitfenster, Raum und Info an ElternMittel: Fortbildungszeit, Vertretung, laufende Abstimmung im Team
PersonalFachkräfte mit muttersprachlicher oder sehr hoher SprachkompetenzExterne Kursleitung, Team bleibt unverändertVorhandenes Team, Sprachsicherheit sehr unterschiedlich
Kosten für Eltern (grob)Je nach Träger, über den Beitrag der KitaZusatzbeitrag pro Kind und Kursstunde, freiwilligMeist kein eigener Kursbeitrag, Fortbildungskosten liegen bei Einrichtung oder Träger
FlexibilitätGering: Entscheidung für das ganze HausHoch: kann starten, pausieren oder enden, Probestunde möglichMittel: abhängig von Personalwechseln im Team

Was die Forschung zu Intensität und Kontaktzeit sagt

Die Befunde lassen sich in wenigen Aussagen bündeln. Wollnitz verweist auf Meisel: Die Häufigkeit, mit der Kinder eine Sprache hören und verwenden, beeinflusst ihre Kompetenzentwicklung beim Verstehen und beim aktiven Gebrauch [1]. Mit Verweis auf Kersten schreibt sie, dass Kinder bei der Lerngeschwindigkeit zunächst langsamer sind als Erwachsene, den Rückstand aber schnell aufholen, wenn sie regelmäßig Input bekommen [1].

Schmidt wird beim Thema Wochenangebote deutlich. Viele Kitas in Deutschland böten ein- bis zweimal pro Woche für 30 bis 60 Minuten fremdsprachigen Kontakt mit Liedern, Reimen und Spielen. Das befördere zweifellos eine positive Einstellung zur neuen Sprache, größere Fortschritte im Sprachverständnis oder in der Sprachproduktion seien dabei aber nicht zu erwarten, schreibt sie mit Verweis auf Forschung von Piske [2]. Erfolgversprechender seien Angebote nach dem Immersionsprinzip [2]. Studien, auf die sie sich beruft, zeigen bei Kindern in Immersionsprogrammen deutlich höhere zielsprachige Fähigkeiten als bei Kindern, die konventionell eine Fremdsprache lernen [2].

Zwei Einordnungen gehören dazu. Erstens: Schmidt beschreibt, dass sich bei bilingual betreuten Kindern die rezeptiven Fähigkeiten sehr schnell entwickeln, während die eigene Sprachproduktion erst später einsetzt [2]. Wer nach wenigen Kurswochen noch keine ganzen Sätze hört, sollte das nicht als Misserfolg lesen. Zweitens: Ihre eigene Teilstudie beruht auf 29 Kindern und zwei Testzeitpunkten im Abstand von sechs Monaten, es sind Zwischenergebnisse einer laufenden Untersuchung [2]. Die herangezogenen Quellen untersuchen außerdem Immersion im Alltag, nicht einzelne Wochenkurse. Aussagen über die Wirkung eines 45-Minuten-Kurses lassen sich daraus nicht ableiten.

Entscheidungshilfe: Fragen für Leitungen und für Eltern

Für Kita-Leitungen

  • Wollen wir Englisch als Teil unseres Leitbilds, oder als Ergänzung für interessierte Familien?
  • Wer im Team spricht sicher Englisch, und wie viel Zeit bleibt im Alltag dafür?
  • Wie viele Stunden Kontakt pro Woche sollen die Kinder realistisch erleben?
  • Wo passt ein Kurs in den Tagesablauf, ohne die Übergänge zu stören?
  • Wie informieren wir Eltern, und wie machen wir die Teilnahme freiwillig und transparent?

Zur Organisation und Elternkommunikation finden Leitungen mehr im Beitrag Zusatzangebote in der Kita: Worauf Kita-Leitungen achten sollten.

Für Eltern

  • Was ist mein Ziel: Freude an der Sprache, erste Gewöhnung oder Alltagsenglisch?
  • Wäre ein Kita-Wechsel für uns überhaupt möglich und sinnvoll?
  • Wer leitet das Angebot, und wie sicher ist ihr oder sein Englisch?
  • Wie groß ist die Gruppe, und wie lange dauert eine Stunde?
  • Wie reagiert mein Kind auf neue Sprachen, und lässt sich das vorab ausprobieren?

Der letzte Punkt lässt sich bei einem Kurs unkompliziert klären, etwa in einer unverbindlichen Schnupperstunde, in der Sie und Ihr Kind die Kursleiterin kennenlernen.

Ehrliche Grenzen eines Wochenkurses und wie er eine Kita ergänzt

Ein wöchentlicher Englischkurs ersetzt keine bilinguale Kita und macht ein Kind nicht zweisprachig. Mit 45 Minuten pro Woche, Feiertagen und Krankheitstagen bleibt die Kontaktzeit überschaubar. Realistisch ist ein anderes Ziel: Kinder erleben Englisch als etwas Schönes, hören eine Muttersprachlerin, singen und bewegen sich dazu und gewinnen Vertrauen in die Sprache. Das ist eine Grundlage, auf der später viel aufbauen kann, aber kein Versprechen auf bestimmte Sprachkenntnisse.

Stärker wird ein Kurs, wenn die Kita ihn aufgreift. Erzieherinnen können das Begrüßungslied zwischen den Terminen singen, einzelne Wörter im Alltag benutzen und den Kindern zeigen, dass die Sprache dazugehört. So wird aus 45 Minuten kein isoliertes Ereignis, sondern ein Impuls, den der Alltag weiterträgt. Wie die Zusammenarbeit konkret aussieht, beschreibt die Seite zur Kita-Kooperation, und das Englisch-Angebot selbst finden Sie unter Englisch für Kinder. Warum eine Muttersprachlerin als Sprachvorbild für Aussprache und Sprachmelodie zählt, beschreibt der Beitrag Englisch mit Muttersprachlerinnen in der Kita.

Häufige Fragen

Ist eine bilinguale Kita besser als ein Englischkurs?

Bei der Kontaktzeit ja, denn Englisch ist dort Alltagssprache. Dafür braucht eine bilinguale Kita ein ganzes Konzept mit passendem Personal und ist an den Standort gebunden. Ein Kurs ist leichter einzuführen, bietet aber deutlich weniger Kontaktzeit. Welches Modell besser ist, hängt von Ihrem Ziel und Ihren Möglichkeiten ab.

Welche Vor- und Nachteile hat eine bilinguale Kita?

Vorteile sind der tägliche Kontakt und die Einbettung der Sprache in vertraute Alltagssituationen. Zu bedenken sind der hohe Aufwand für Personal und Organisation, die Bindung an den Standort und die Frage, wie sprachsicher die Fachkräfte tatsächlich sind. Fragen Sie nach dem konkreten Konzept.

Reicht ein Englischkurs pro Woche, damit Kinder Englisch lernen?

Ein Wochenkurs fördert nach Einschätzung der Fachliteratur vor allem eine positive Einstellung zur Sprache. Größere Fortschritte im Sprachverständnis oder Sprechen sind bei so wenig Kontaktzeit nicht zu erwarten. Als Einstieg und Ergänzung ist ein Kurs sinnvoll, als Ersatz für Immersion nicht.

Welche Alternativen gibt es für Englisch in der Kita?

Neben der bilingualen Kita und dem externen Kurs können Erzieherinnen nach einer Fortbildung Englisch in Rituale, Lieder und Vorlesesituationen einbauen.

Kann ein Englischkurs die Arbeit der Kita ergänzen?

Ja, wenn er in den Tagesablauf passt und die Fachkräfte ihn aufgreifen. Ein Kurs bringt eine Kursleiterin mit englischer Muttersprache in die Kita, ohne dass das Team umgebaut werden muss. Die Kita entscheidet über Zeitfenster und Raum, die Eltern über die Teilnahme.

Quellen

  1. [1]Alltagsintegrierte Sprachbildung in bilingualen Erziehungs- und Bildungseinrichtungen (Wollnitz, KiTa Fachtexte)
  2. [2]Zweitspracherwerb durch englische Immersion im Kindergarten (Schmidt, Forschung Sprache 2/2017)
  3. [3]Zahl bilingualer Kindergärten in zehn Jahren verdreifacht (erzieherin.de, Pressemitteilung FMKS)
  4. [4]Frühe Mehrsprachigkeit im Kita-Alltag begleiten (Kühn, KiTa Fachtexte)
Na, neugierig geworden?

Bereit für die erste Schnupperstunde?

Lernen Sie uns unverbindlich kennen: Die erste Stunde ist zum Schnuppern da, für Kitas wie für Familien. Wir freuen uns auf Ihr Kind!